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Frühlingslos!

In Boston gab es in diesem Jahr keinen Frühling. Nach eisiger Kälte (monatelang) und den bisher höchsten monatlichen Kosten für Gas und Strom ist es endlich warm geworden. Zu warm. Wir überlegen uns ernsthaft, eine hier typische “AC window unit” zu besorgen. Das ist eine Klimaanlage amerikanischer Art – modular und unkompliziert: Fenster öffnen (die kann man so nach oben schieben), Anlage (genormt!) reinstellen, Fenster runter – soweit es eben noch geht – dann noch mit etwas Plastik die Ritzen abdecken, zunageln, fertig. Mit einer solchen window unit bringt man die Temperatur auf erträgliche 20 Grad Celsius runter, deutlich kühler als es momentan in unserer Wohnung ist! Dafür ist es dann leider auch lauter…. Und die Stromrechnung ist dann wohl auch wieder auf Winter-Niveau. Entweder schwitzen wegen der Hitze oder wegen der Kosten, immer diese Entscheidungen!

Wie im letzten Jahr verbringen wir langsam aber sicher wieder mehr Zeit draussen. Meistens geht es mit dem Auto in die Berge – jawoll, Berge! In die White Mountains in New Hampshire. Der Staat ist unser absoluter Favorit: Hunderte Kilometer Wald, weniger Bewohnerinnen, viele Schwarzbären, keine Helmpflicht für Motorradfahrer (“Live free or die”) und eine Pistole kann man sich einfach mit dem Fahrausweis vom Laden mitnehmen. Aber am meisten gefallen uns schon die Berge! Und nein, die Berge sind natürlich nicht mit den Alpen vergleichbar. Trotzdem kann das wandern hier ein Abenteuer sein: verlaufen, wilde Tiere, unmarkierte Pfade, Unterkühlung und zu wenig Benzin im Auto haben und auf halber Strecke stehen bleiben – alles schon gehabt. Morgen geht es auf den Mount Washington (über 6000ft) – 2.45 Stunden fahren, 9 Meilen hiken (ca. 7.5 Stunden) und dann wieder 2.45 Stunden auf der Autobahn. Das ist Wandern in Neuengland.

Und ausserdem: Eine kleine Amerikanerin ist unterwegs (no, it won’t be a Heidi), viele Besuche stehen an (Manu, ich hoffe es klappt – und ja, Du auch Christianjan!), wir möchten eine Woche lang in die Ferien (ja Carmen und Röbu) und wir vermissen die Familie (Ameni, es wird alles gut :)) Wir freuen uns auf die kommenden Monate!

Happy 4th of July allerseits!

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Alltag?

Wie schnell der Alltag einkehrt merkt man wohl an der Häufigkeit unserer Blog-Posts; mehr als drei Monate ist es her seit dem letzten. Das ist einerseits ein gutes Zeichen, andererseits doch recht frustrierend! Wir machen die Ruhe deshalb jetzt mit einer Liste wett: 20 Dinge die wir in den letzten drei Monaten hier erlebt/gelernt haben.

  • Man kann in den USA ein Fondue in Schweizer Qualität hinbekommen! Mit Käse aus Frankreich und Wisconsin – und Brot von den Swissbäkers.
  • Eine Reise nach Miami ist auch zum zweiten Mal super, die Everglades wunderschön, und Key West immer noch genau gleich weit weg wie vorher (und deshalb ausser Reichweite).
  • In Boston wird schon am Mittag Bier getrunken – die Tour durch die eigentliche Brauerei verkommt dann eher zur Nebensache.
  • Lust auf ein Abenteuer auf dem Schiessplatz? Unterzeichnen muss man nur einen simplen “waiver”, das wars. Zur freien Verfügung stehen 9mm und Kaliber 45 Pistolen, Maschinengewehre und Shot-Guns. Einen Pin in Pistolen-Form gibt es kostenlos dazu.
  • Eine Reise im Zug von Boston nach NewYork fühlt sich fast schon wie in Europa an – nur haben wir da kein kostenloses Internet; und es funktioniert erst noch!
  • Nach einem mühsam ersten Jahr ist unsere diesjährige Steuerklärung nur noch 45 Seiten lang, im Vergleich zu knapp 59 im letzten Jahr! Cloud-based, natürlich.
  • Gewerkschaftlich organisierte Arbeiter (im Beispiel: “Zügel-Firmen”) sind extrem freundlich, extrem langsam, sehr ineffizient und können einem das Leben wirklich schwer machen.
  • Wir haben einen neuen Nachbarn – leider! Schon zum zweiten Mal hat uns ein Stinktier besucht, und sich vor unserem Schlafzimmer erleichtert. Es blieb nur die Flucht auf’s Sofa im Wohnzimmer. Wirklich (!) übel (!!).
  • Der Sommer lässt sich in diesem Jahr wirklich Zeit – heute, zum allerersten Mal, hiess es: 3/4 Hosen anziehen und Sonnencreme hervorkramen.
  • Aline, wir werden Dich vermissen – Du warst ein super Vorbild für unser US Abenteuer und wirst uns sehr fehlen!

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Winterzeit – a never ending story

Heute geniessen wir ungefähr zum etwa fünften Mal dieses Jahr einen “snow emergency”. Das ist ganz witzig zu erleben, es klingt meistens, als ginge die Welt unter. Ablauf und Verhaltensregeln:

  1. Man kriegt einen automatischen Anruf, ein SMS und eine E-Mail. Da wir sowohl auf der Liste von Somerville als auch Cambridge gelandet sind (wie bloss?) alles doppelt; d.h immerhin 6 mal der Hinweis auf den Emergency.
  2. Nach der Deklaration des “snow emergency” ist das parkieren nur noch auf einer Strassenseite erlaubt, nämlich jener mit den ungeraden Hausnummern.
  3. Alle rennen nach draussen und parkieren das Auto um; es herrscht Krieg, schliesslich sind doppelt so viele Autos draussen wie auf nur einer Seite Platz finden – wer zuerst kommt läuft weniger weit!
  4. Bier- und Wein-Vorrat auffüllen, Milch und Brot bereithalten, Kerzen hervorsuchen – und erstmal abwarten
  5. Im Unterschied zu Europa kann es hier doch recht abgehen. Momentan kriegen wir wieder 30 cm Schnee innerhalb von 3 Stunden. Das kann eben doch schnell mal ins Auge gehen, wenn man unterwegs nicht mehr weiterkommt
  6. das gleiche Spiel eine Woche später

Panik ist aber trotzdem nicht angesagt, es ist eher gemütlich und friedlich. Übrigens ist jeder Hausbesitzer in Boston für seinen Abschnitt des Gehsteigs verantwortlich: Wer den Schnee nicht zeitig genug wegmacht wird gebüsst. Jawoll, und das funktioniert super. In Zürich würde das nie funktionieren, ich schaufle doch nicht für meine Mitmenschen den Schnee weg.

Nicht “never” ending – eher “ending” ist hingegen unsere Job-Suche: Nachdem einer von uns schon seit knapp einem Jahr für die gleiche (coole) Firma tätig ist, hat der andere nach knapp 5 Interview Runden ebenfalls eine wirklich tolle Stelle gefunden. Wir nennen uns eine “Startup Family” und arbeiten jeweils mit jungen Unternehmern und Firmen zusammen. Und zwar Amerikanisch: Das Motto ist einfach – das Produkt und die Idee sind genial, u

kann die Welt verändern. Man versucht das beste, gibt alles – und wenn man scheitern sollte, versucht man es einfach wieder. Es hat eben schon was mit der Freiheit, der Flexibilität und dem American Dream hier.

Unsere erste Erfahrung mit dem Amerikanischen Gesundheitssystem war übrigens super – das MGH ist einer der besten Spitäler der Welt, das Personal sehr freundlich, und die Gebäude top; und eine Kreditkarte mussten wir auch nicht zeigen. Fast wie in der Schweiz!

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Pity Party!

Zum zweiten Mal heisst es Weihachten feiern in Amerika. Wie gewohnt ohne Familie und ohne langjährige Freunde – dafür mit viel Selbstmitleid ;) Denn zu dieser Jahreszeit verabschieden sich nicht nur die meisten Amerikaner, sondern auch der grösste Teil der internationalen Community, und fliegt zurück “nach Hause”. Übrig bleiben die einsamen hartgesottenen Auswanderer, die sich selber und allen anderen beweisen, dass mit gutem Essen, neu gefundenen Freunden und nicht wenig Alkohol dieses Fest trotzdem ganz schön sein kann. Ganz nach der Beschreibung auf urbandictonary.com:

“A way of experiencing grief, in which you spend your time feeling sorry for yourself and whining endlessly about how crappy your life is.” (es lohnt sich, die ganze Definition hier zu lesen!)

Nach Thanksgiving war der 25. Dezember übrigens der zweite Tag, an dem das Land stillsteht – nur CVS und Walgreens hatten als einzige Geschäfte noch geöffnet. Ganz ungewohnt, aber auch wunderbar gemütlich. Und jetzt? Jetzt warten wir erstmal ab, bis wir den Rutsch ins neue Jahr ebenfalls überstanden haben. Unsere beiden Arbeitgeber haben uns entweder ganz frei gegeben (ha, das gibt dann schon ganze 3 Wochen Ferien pro Jahr!), oder sind mit “working from home” einverstanden. Was wollen wir auch anderes machen, denn trotz Schneemangels ist es eisig kalt, und wir finden immer wieder neue Ritzen in unserem 100%igen Holzhäuschen, die für ein bisschen Frische sorgen.

Wir sind gespannt was das neue Jahr so bringen wird. Vorsätze gibt es keine, das haben wir aufgegeben – zu unberechenbar ist das Auswanderer-Leben! Wir hoffen auf ein bisschen mehr geniessen (alles ist organisiert: Banken, Versicherungen, Auto, Katze, Wohnung…), ein bisschen mehr reisen (in Amerika!), viel Besuch (der aber etwas gleichmässiger über’s Jahr verteilt ist als dieses Jahr) und die eine oder andere Käselieferung aus der Schweiz…

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Der 2. Indian Summer!

Kaum zu glauben, aber inzwischen erleben wir die Jahrszeiten bereits zum zweiten Mal. Vor genau 14 Monaten sind wir in Boston angekommen. Die Farben waren damals etwas intensiver, die Temperaturen höher, und die Tage länger. Oder täuscht alles und wir haben uns einfach schon ein bisschen an die neuen Eindrücke gewohnt? Wer weiss!

Neu war auf jeden Fall unsere Reise in die Schweiz und nach Deutschland. Zum ersten mal in unserem Leben hiess es auf dem Ticket BOS – ZRH – BOS; Ferien in Europa! War es schön? Unglaublich! Hat es sich gelohnt? Auf jeden Fall! Und Freunde und Familie? Es war wunderschön sie alle wieder zu treffen, und Stabilität und Vertrautheit zu erleben. Es ist schön zu wissen, dass man jederzeit zurück in die Schweiz kommen könnte und man immer willkommen ist.

Hat sich in der Schweiz viel verändert? Vermutlich ja – vieles blieb aber auch beim alten. Das war recht krass, denn wir haben in der Zwischenzeit so viele neue Eindrücke wie noch nie gewonnen, Leute kennen gelernt, Auto gefahren (jaja), geflogen, gegessen und genossen wie im vergangenen Jahr. Wir freuen uns schon auf den nächsten Besuch!

Update: inzwischen durften wir schon zwei weitere Gäste bei uns hier in den USA begrüssen, haha!

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Chancen auf Gewinn

Wie gross sind eigentlich die Chancen, eine Greencard zu gewinnen in der Lotterie?  Die unten stehenden Zahlen sind aus der Statistik der Lotterie 2013, die Zahlen sind jedes Jahr ein bisschen anders.

Insgesamt werden jedes Jahr 50’000 Karten vergeben. Davon gingen 2013

108 nach Oesterreich

131 in die Schweiz

1’253 nach Deutschland

Bei unserer Aktivierungsreise hat uns der Zöllner gesagt, als Schweizer und als Holländer habe man die besten Chancen eine Karte zu gewinnen. Rechnet man es auf die Einwohnerzahlen um, sieht es so aus:

Oesterreich: 8.5 Mio. Einwohner, d.h. 0.001% Greencard pro Person

Schweiz: 8.1 Mio. Einwohner, d.h. 0.003% Greencard pro Person

Deutschland: 80.5 Mio. Einwohner, d.h. 0.002% Greencard pro Person

Das sind natürlich rein theoretische Zahlen, in Wirklichkeit nehmen ja laengst nicht alle Leute an der Lotterie teil :)

Am meisten Karten gehen uebrigens nach Nigeria (rund 6’220), Ghana (rund 5’100) und Aegypten (rund 5’020). Da stehen die Chancen in Laos und Timor-Leste (je 1) doch deutlich schlechter.

Erstes Jahr – 10 Erkenntnisse

Ziemlich genau heute vor einem Jahr haben wir die Schweiz verlassen. So lange haben wir es schon hier ausgehalten! Und wir haben noch nicht genug: Im Oktober geht es zwar – zum ersten Mal – zurück in die Schweiz; aber wir kommen wieder! Zeit für eine erste Bilanz: was ist anders als vor einem Jahr? Welche Erwartungen haben sich erfüllt und welche nicht? Mit welchen Problemen hatten wir nicht gerechnet?

1. Unser Englisch ist um Welten besser als zu Beginn, dafür verlernen wir langsam aber sicher unser stilsicheres Deutsch.

2. Wir haben wahnsinnig gute Freunde und Familien: Nicht nur hatten wir unglaublich viele Besucher aus der Schweiz in den letzten 12 Monaten, auch hier in Boston konnten wir inzwischen ein grosses Netzwerk aufbauen. Und: So viele Leute haben wir noch nie kennen gelernt in einem Jahr! Open up your mind!

3. Die erste Wohnung war zwar sehr schön, aber wir konnten sie uns eigentlich nicht leisten: die Löhne hier in Boston sind (auf amerikanischem Niveau) tiefer als in Zürich, Wohnungsmieten aber vergleichbar hoch.

4. Auf Linkedin haben wir jetzt insgesamt ueber 750 Connections. Daneben haben wir nun beide auch noch einen Twitter-, Spotify- und Angellist-, Netflix- und natürlich Facebook-account.

5. Arbeitstage hier sind länger (mit mindestens zwei “Bier-Gelgenheiten” nach Events), und auch wenn man nahe am Arbeitsort wohnt, sind die Arbeitswege lang (45 Minuten) – und wenn man dann noch einkaufen oder zur Post muss, kommen je nachdem mindestens nochmals 30 Minuten hinzu.

6. Die Wochenenden sind gleich kurz wie in der Schweiz. Hier fahren wir aber öfter mal weg, auch wenn das 2 Stunden Fahrt fuer einen Weg bedeutet. Wie wäre es mit einem Trip nach Manhattan?

7. Amerikaner sind anders. Wirklich. in allem. Aber dabei sehr nett!

8. Never mind your accent.

9. Schweizer Schokolade ist hier billiger als in der Schweiz. Dafuer sind z.B. gemahlener Safran und gute Bouillon nur sehr schwer zu finden.

10. Unsere Katze ist diaet-resistent, sie ist immer noch genau gleich dick wie unmittelbar nach der Adoption.

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Sommer in New England

Wow, nach unglaublichen Wochen kehrt langsam aber sicher etwas Ruhe ein. Naja, nicht wirklich, aber wir arbeiten daran. Der Umzug in die neue Wohnung war ein voller Erfolg: ganz amerikanisch bei Yelp einen coolen discount gefunden (2 riesige Männer, oben ohne, grosser Truck, für zwei Stunden – für 99 Dollar). Wir hatten uns geschworen, nie mehr so viele Dinge zu besitzen wie in der Schweiz, und wir waren erfolgreich: Nach knapp anderthalb Stunden war der Umzug fertig. Die neue Wohnung ist nicht mehr ganz so modern (hallo braune Holzrahmen) und leider ohne Spülmaschine und Mikrowelle (dass es das noch gibt) – dafür mit neuem, riesigen Kühlschrank und neuem Gasherd. Wir fühlen uns sehr wohl, trotz der Autowaschanlage im Dauerbetrieb und trotz der Landlords, die im oberen Stock wohnen (wir dürfen den 20-Burger-Patty-grossen Grill mitbenutzen). Sogar die Katze hat sich gut eingelebt.

Während meine Arbeitskollegen nach erfolgreichem Tag meistens noch zum Bier (oder eher: Drinks und Whiskey) gehen, heisst es bei uns: Besuch unterhalten. Nahtlos ging es von den Eltern (ganze 21 Nächte) über zu einem Basler Professor (4 Nächte), dann zur Schwester mitsamt Freundin (6 Nächte), einem kurzen Zwischenstopp mit Freunden (2 Nächte) und jetzt unserem besten Freund und Trauzeuge (14 Nächte). Zeit zum Blog schreiben bleibt da einfach keine! Auf der positiven Seite ist neben tollen Gesprächen vor allem die Tatsache, dass wir nun die Gegend wirklich gut kennen gelernt, die nettesten Pubs entdeckt und die hippsten Shops entdeckt haben.

Ach ja, daneben beschäftigen wir uns noch mit Schweizer Administration: Krankenkassen kündigen, Pässe verlängern, Wohnung nach der Untermiete ganz abgeben, Möbel einstellen lassen und natürlich den Flug buchen: Nach etwas über einem Jahr geht es für eine ganze Woche in die Schweiz! Das ist krass, immerhin haben wir hier – ganz amerikanisch – pro Jahr nur grad 2 Wochen Ferien.

Der Alltag hat uns schon soweit eingeholt, dass wir fast nicht mehr merken, in den USA zu leben. Zu sehr haben wir uns an alles gewohnt: Englisch zu sprechen, entspannter durch den Alltag zu gehen, mit weniger Perfektionismus auszukommen, mit wirren Formularen umzugehen und immer wieder Neues zu entdecken. Wir sind endlich richtig angekommen!

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Ich fühle mich wie 18 und wir freuen uns auf die Eltern

Irgendwie seltsam fühlte sich das an. Am Strassenrand irgendwo in Cambridge auf den Prüfer zu warten, lustige Handzeichen zu demonstrieren und dann durch das Quartier zu düsen – um am Ende dann den Stempel “passed” auf den Lernfahrausweis zu bekommen! Vielleicht nicht ganz so nervös wie vor 14 Jahren war es doch eine Herausforderung, die Führerprüfung nochmals zu machen. Denn im Gegensatz zum deutschen wird der schweizer Ausweis hier nicht anerkannt – das heisst also zurück zu Feld eins! So einfach wie so gerne verbreitet war es dann aber doch nicht: rückwärts-seitwärts parkieren, rückwärts fahren und eine Dreipunkte-Wende vorführen! Lustigerweise wäre ich aber fast durch die Theorieprüfung gerasselt weil ich mir einfach nicht merken konnte, ob die Strafe für das zweite “Drag-Racing” für Junior Drivers nun 1000 oder 1500 Dollar beträgt. Geklappt hat es trotzdem, und ich kann mich endlich mit meinem Fahrausweis im Alk-Laden ausweisen.

Damit können wir einen grossen Brocken von der ToDo-Liste streichen. Einfacher wird das Auswanderer-Leben dadurch aber nur bedingt, denn es geht weiter: Unser Landlord entschloss sich leider dazu, unser Apartment zu verkaufen. Nach nur 8 Monaten heisst es also: Sachen packen, umziehen. Nach enervierenden zweieinhalb Monaten wurden wir dann auch fündig. Nicht mehr so edel, nicht mehr so neu, aber nur 3 Blocks von hier entfernt. Und wenn sich die adoptierte Katze auch wohl fühlt, schmeissen wir den Umzug routiniert (wir sind es uns langsam gewohnt).

Stabil ist immerhin die Arbeit: Viel los, noch mehr Sitzungen, mehr oder weniger spannende Projekte und immer wieder das Gefühl, als Ausländer doch Teil des Ami-Teams zu sein. Und mit nur 250 Dollar pro Monat sind wir sogar beide krankenversichert – Romneycare sei dank, er hat das nämlich in Massachusetts noch vor Obama etabliert. Bleibt zu hoffen, dass der Druck bald etwas nachlässt und wir Zeit haben für den nächsten Besuch – Eltern treffen ein!! Das ist an sich nichts Spezielles – nach knapp 9 Monaten aber eben doch; und sicher etwas aufregender, als die Eltern mit 18 täglich zuhause anzutreffen.

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Oben blauer Himmel, Terror vor der Haustüre und wir im Radio

Da war er also, der Boston Marathon. Nach dem St. Patrick’s Day ist das, gemäss unserer amerikanischen Quellen, der zweite grosse Anlass an dem ausgiebig gefeiert, getrunken und natürlich gerannt wird! Das klingt super; begeistert waren wir aber erstmal von einem freien Tag. Naja, wenigstens für einen von uns: Die andere Firma (geführt von Ausländern) wusste leider nichts von der hiesigen Tradition… Am Ende waren wir trotzdem beide am arbeiten – einer im Büro, der andere zu Hause. Und Freunde von uns, die sich den Frühling für einen Trip nach Boston ausgesucht hatten, waren auf dem Weg auf die Aussichtsplattform des Prudential Towers.

Nach den Explosionen stand der ÖV stand erstmal still. Denn der Schock sass tief, soziale Medien liefen heiss und das Mobilfunknetz wurde teilweise ausgeschaltet oder war überlastet. Die Verunsicherung war gross, vor allem als zwei Stunden nach den Explosionen noch ein Feuer in der JFK Bibliothek gemeldet wurde. Während unser Besuch lange Zeit auf dem Tower ausharren mussten, leerten sich die Büros in Cambridge zügig. Wer konnte, organisierte sich eine Mitfahrgelegenheit. Auch wir boten unser Auto an, und unsere gestrandeten Freunde konnten wir glücklicherweise irgendwann in Cambridge aufgabeln, nachdem sie sicher eine Stunde zu Fuss Richtung Somerville gelaufen waren. Am Ende sassen wir zuhause und hörten den Polizeifunk mit (das ist in den USA übrigens legal).

Die folgenden Tage waren nicht nur frühlingshaft warm, sondern auch seltsam ruhig. Der eine Besuch reiste ab, der nächste kam mit dem Bus aus NYC. Auf unseren Arbeitswegen war weder viel Polizei zu sehen, noch war es in der “T” weniger vollgequetscht. Nur an den Eingängen der Metrostationen (“T”!) wurden gelegentlich Taschen und Rucksäcke kontrolliert. Und als Obama mit der Air Force One über die Stadt angeflogen kam schien es fast so, als ob sich die Stadt gefangen hätte. Aber anstatt am TV die Serie “24″ einzuschalten, ging es bald darauf richtig los.

Eine Bombendrohung legte schon Donnerstag das Bundesgericht in Boston lahm und weil einer von uns im Gebäude vis-a-vis arbeitet, wurde er evakuiert. Und am Freitag legte der Gouverneur die Stadt still, und hunderte Einsatzkräfte waren während 12 Stunden im Dauereinsatz. Währenddessen sassen wir zu Hause fest und verfolgten das Geschehen im Internet. Der Polizeifunk war nun abgestellt, weil Idioten live über die Polizeitaktik twitterten. Nur einmal wagten uns in den Supermarkt, die Hauptprobe am Vorabend eines Chorkonzerts wurde abgesagt. Spät am Abend dann endlich die Entwarnung, gerade als wir am Flughafen bereits den dritten Besuch aufgabelten.

Was bleibt ist ein mulmiges Gefühl: Wir überlegten uns den Marathon zu besuchen, und unsere Freunde liefen knapp 20 Minuten vor dem Anschlag an der Dampftopfbombe vorbei. Es bleibt auch ein Bild einer Stadt, die einfach anders ist als andere US-Cities: Alle helfen allen, ohne wenn und aber. Wir fuhren rum mit dem Auto und spielten Taxi. Der eine Arbeitgeber beherbergte während 2 Tagen eine PR-Firma, die während der Tatortsicherung ihr Büro am Copley Square nicht mehr betreten durften. Und der BostonStrong! Fond sammelte schon über 1 Million. Geärgert haben wir uns über Medien in der Schweiz, die nur auf Sensationsberichterstattung aus sind; und über Ignoranz und Überheblichkeit. Und ein bisschen Heimweh haben wir bekommen: Am Sechseläuten lief alles rund. Weder wurden 16 Beine amputiert, noch starben andere Zuschauer. Manchmal vermissen wir diese selbstverständlich hingenommene Sicherheit – und sind einfach nur froh, dass von unseren vielen Freunden und Bekannten alle wohlauf sind.

Interview mit Radio Zürisee vom 19. April 2013

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