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Da war er also, der Boston Marathon. Nach dem St. Patrick’s Day ist das, gemäss unserer amerikanischen Quellen, der zweite grosse Anlass an dem ausgiebig gefeiert, getrunken und natürlich gerannt wird! Das klingt super; begeistert waren wir aber erstmal von einem freien Tag. Naja, wenigstens für einen von uns: Die andere Firma (geführt von Ausländern) wusste leider nichts von der hiesigen Tradition… Am Ende waren wir trotzdem beide am arbeiten – einer im Büro, der andere zu Hause. Und Freunde von uns, die sich den Frühling für einen Trip nach Boston ausgesucht hatten, waren auf dem Weg auf die Aussichtsplattform des Prudential Towers.
Nach den Explosionen stand der ÖV stand erstmal still. Denn der Schock sass tief, soziale Medien liefen heiss und das Mobilfunknetz wurde teilweise ausgeschaltet oder war überlastet. Die Verunsicherung war gross, vor allem als zwei Stunden nach den Explosionen noch ein Feuer in der JFK Bibliothek gemeldet wurde. Während unser Besuch lange Zeit auf dem Tower ausharren mussten, leerten sich die Büros in Cambridge zügig. Wer konnte, organisierte sich eine Mitfahrgelegenheit. Auch wir boten unser Auto an, und unsere gestrandeten Freunde konnten wir glücklicherweise irgendwann in Cambridge aufgabeln, nachdem sie sicher eine Stunde zu Fuss Richtung Somerville gelaufen waren. Am Ende sassen wir zuhause und hörten den Polizeifunk mit (das ist in den USA übrigens legal).
Die folgenden Tage waren nicht nur frühlingshaft warm, sondern auch seltsam ruhig. Der eine Besuch reiste ab, der nächste kam mit dem Bus aus NYC. Auf unseren Arbeitswegen war weder viel Polizei zu sehen, noch war es in der “T” weniger vollgequetscht. Nur an den Eingängen der Metrostationen (“T”!) wurden gelegentlich Taschen und Rucksäcke kontrolliert. Und als Obama mit der Air Force One über die Stadt angeflogen kam schien es fast so, als ob sich die Stadt gefangen hätte. Aber anstatt am TV die Serie “24″ einzuschalten, ging es bald darauf richtig los.
Eine Bombendrohung legte schon Donnerstag das Bundesgericht in Boston lahm und weil einer von uns im Gebäude vis-a-vis arbeitet, wurde er evakuiert. Und am Freitag legte der Gouverneur die Stadt still, und hunderte Einsatzkräfte waren während 12 Stunden im Dauereinsatz. Währenddessen sassen wir zu Hause fest und verfolgten das Geschehen im Internet. Der Polizeifunk war nun abgestellt, weil Idioten live über die Polizeitaktik twitterten. Nur einmal wagten uns in den Supermarkt, die Hauptprobe am Vorabend eines Chorkonzerts wurde abgesagt. Spät am Abend dann endlich die Entwarnung, gerade als wir am Flughafen bereits den dritten Besuch aufgabelten.
Was bleibt ist ein mulmiges Gefühl: Wir überlegten uns den Marathon zu besuchen, und unsere Freunde liefen knapp 20 Minuten vor dem Anschlag an der Dampftopfbombe vorbei. Es bleibt auch ein Bild einer Stadt, die einfach anders ist als andere US-Cities: Alle helfen allen, ohne wenn und aber. Wir fuhren rum mit dem Auto und spielten Taxi. Der eine Arbeitgeber beherbergte während 2 Tagen eine PR-Firma, die während der Tatortsicherung ihr Büro am Copley Square nicht mehr betreten durften. Und der BostonStrong! Fond sammelte schon über 1 Million. Geärgert haben wir uns über Medien in der Schweiz, die nur auf Sensationsberichterstattung aus sind; und über Ignoranz und Überheblichkeit. Und ein bisschen Heimweh haben wir bekommen: Am Sechseläuten lief alles rund. Weder wurden 16 Beine amputiert, noch starben andere Zuschauer. Manchmal vermissen wir diese selbstverständlich hingenommene Sicherheit – und sind einfach nur froh, dass von unseren vielen Freunden und Bekannten alle wohlauf sind.
Interview mit Radio Zürisee vom 19. April 2013



Seit mehr als 7 Monaten geniessen wir die Zeit in Somerville, und der Frühling steht vor der Tür! Nachdem wir unseren letzten Besuch mit einem Wintereinbruch und eisigen Temperaturen erschrocken haben, erholen wir uns nun mit Sonnenschein vom schlechten Gewissen. Das Osterwochenende ist vergleichsweise langweilig in den USA: Wir haben weder frei, noch sind die Shops geschlossen oder Eier zu suchen – kein Thema.
Immerhin zählen wir uns aber selber zu den alten Hasen! Jedenfalls innerhalb der sog. Schweizer Community in Boston: Im letzten Monat sind einige gute Freunde (diesen Status kann man übrigens viel schneller erlangen, als aus der Schweiz gewohnt; viele Optionen hat man nicht und so gross ist die Community dann auch wieder nicht – und das ist jetzt nicht negativ gemeint!) wieder in die Schweiz zurück gekehrt. So begrüssen wir nun also bei diversen Anlässen unserer Stammorganisationen Neuankömmlinge, und fühlen uns schon sehr erfahren: Wir kennen uns mit der Parkplatzproblematik aus, verraten Käseshops, empfehlen gute Hikes in New Hampshire und wissen wie die Fahrprüfung zu absolvieren ist. Und weil uns ohne richtige Jobs (siehe unten!) fast schon langweilig wurde, sind wir in diesen Organisationen sehr fleissig und aktiv unterwegs: Wir sind Board Member von SwissLinkBoston, von der Swiss Society of Boston und dem UZH Alumni Chapter New England, und geniessen Events von Swissnex Boston. Dafür sind wir nun also ausgewandert!
Erhalten bleibt uns vorläufig auch das ständige Auf- und Ab, wobei wir uns gerade auf einer rasenden Bergfahrt befinden! Wir sind angekommen – wir haben beide neue, “richtige” Jobs gefunden! Und zwar sind die Jobs nicht nur gut bezahlt (für amerikanische Verhältnisse), sondern auch hammermässig gelegen (Cambridge und Boston Downtown, im 14. Stock, mit Sicht über die ganze Stadt und den Hafen), Fenster inklusive. Ausserdem gibts spannende Aufgaben, angenehme Arbeitszeiten (normal, 9 to 5) und soviel Lohn, dass am Ende des Monats sogar ein bisschen Geld übrig bleibt. Es fühlt sich an wie ein Neuanfang vom Neuanfang! Und genau zur richtigen Zeit, um mit unserem winterlichen Besuch im warmen Prudential Tower darauf anzustossen!
Damit uns nicht langweilig wird stehen aber schon die nächsten grundlegenden Entscheidungen an: Sollen wir die untervermietete Wohnung in Zürich nun endgültig aufgeben? Wohin mit allen Möbeln? Melden wir uns ganz offiziell in Zürich ab oder lieber nicht? Was passiert mit den Versicherungen? Sollen wir den Vertrag für unser Apartment hier verlängern (teuer!) oder etwas neues suchen? Immerhin haben wir im April während knapp einem Monat (und fast am Stück) 3 verschiedene Besuche hier – tolle Ablenkung und viel Zeit, um bei lokalem Bier mehr oder weniger seriös darüber zu diskutieren
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Die USA scheinen das Land der unbegrenzten Stürme zu sein: Den Willkommens-Sturm gab’s zur Begrüssung gleich vier Tage nach der Einwanderung in Miami. Weiter ging’s mit Sandy, die unser Holzhäuschen arg durchgeschüttelt und mindestens die Hälfte aller Stromanschlüsse in Somerville ausser Gefecht gesetzt hat. Und vor zwei Wochen haben wir Wintersturm Nemo mit Bergen von Schnee überstanden. Aber seither ist keine Ruhe eingekehrt: Jede Woche wird pünktlich zum Wochenende ein neuer Schneesturm angekündigt!
Was dramatisch klingt und in den Medien nicht weniger krass dargestellt wird, ist eindrücklich: Da wird der Grossraum Boston mit fast so vielen Einwohnern wie die gesamte Schweiz innert weniger Stunden komplett lahmgelegt. Und auch einen Tage später geht noch nichts: Autos sind unauffindbar unter dem Schnee, Strassen gesperrt, üblicherweise durchgehend geöffnete Läden geschlossen und unsere Haustüre zugeschneit. Natürlich sind wir uns als harte Schweizer viel Schnee gewohnt. Aber so viel Schnee in so kurzer Zeit – notabene in einer Stadt am Meer – das ist schon ungewöhnlich!
Auf und ab – innerhalb von nur einer Woche wechselnde Perspektiven, von schwarz zu weiss. Das passt wunderbar zu unserer Job-Situation! Nachdem es circa eine Woche lang so ausgesehen hatte, als ob wir demnächst nach D.C. umziehen würden, sind wir momentan wieder ganz zuversichtlich, dass wir Boston nicht so bald verlassen müssen. Ausser vielleicht für ein 8-wöchiges Training in Texas?
Nach einer weiteren Absage fanden in den letzten zwei Wochen schon wieder spannende Vorstellungsgespräche statt, darunter 3 Telefoninterviews und sogar ein Videointerview. Das ist auch nötig, weil ich bald arbeitslos sein werde: Ich habe gekündigt! Kündigungsfrist: 2 Wochen, netterweise habe ich ihnen drei gewährt. Grund ist der kürzlich eingestellte Chef: Er ist eine unangenehme Person und ein Micro-Manager wie aus dem Bilderbuch! Wir dürfen zweimal am Tag rapportieren, woran wir arbeiten und für externe Einsätze wird uns per Mail mitgeteilt, wie viele Meilen der Kunde entfernt ist und wie lange die Fahrzeit zu dauern habe. Ha! Nicht mit mir – und damit gefährde ich vielleicht den Erfolg unseres Auswanderungsprojekts. Drückt uns deshalb die Daumen – jetzt zeigt sich wirklich, ob man hier zu jeder Zeit wieder als Tellerwäscher einsteigen kann.
Die Zukunft sieht immerhin insofern rosig aus, als dass wir ganz viel Besuch erwarten! Noch drei Wochen haben wir ein leeres Gästezimmer, danach geben sich die verschiedenen Besuche praktisch bis Ende April die Klinke in die Hand – wir freuen uns!! 

Weihnachten in Amerika – so haben wir uns das aber nicht vorgestellt. Alle schwärmten davon, von eisig kalten und sternklaren Nächten, meterhohen Schneewehen, farbigen Lichtinstallationen, kitschiger Musik an allen Ecken und Enden und duftenden Gingerbread-Cookies im Starbucks. Nichts dergleichen – Alltag herrschte, und zwar richtig! Von Schnee weit und breit nichts zu sehen. Na gut, einmal hatten wir mit einem WINZIGEN (gross geschrieben) Schneesturm zu kämpfen. Und wenn jemand Weihnachtsbeleuchtung installierte, dann so richtig und in allen Farben. Aber sonst? Alle Läden geöffnet, von Weihnachtsstimmung nicht viel zu spüren, das Wetter frühlingshaft mild – und natürlich Amis in kurzen Hosen (wobei das nicht unbedingt etwas mit dem Wetter zu tun hat, kurze Hosen tragen sie auch heute, bei -7 Grad Fahrenheit).
Festlich ging es also nicht sonderlich zu und her, und vielleicht war das auch gut so. Schwergefallen ist es uns nicht, hier zu sein. Wir hatten tollen Besuch (teilweise aus Amerika, teilweise aus der Schweiz), haben viel unternommen. Boston ist übrigens wirklich toll und gemütlich an Silvester. Und wir haben eine kurze Pause genossen: Die Büros machten teilweise dicht oder erlaubten “homework”.
An die Familie: Euch haben wir natürlich vermisst! Aber wir wussten uns abzulenken: Wir genossen Feuerwerke (und ja, das in Zürich ist krasser), machten Ausflüge ans Meer, besuchten Museen, sind fast Schlittschuh gelaufen und haben uns das schönste Abendessen überhaupt gegönnt: Im Prudential Tower, der mindestens doppelt so hoch ist wie der “PrimeTower”, und von wo man einen Rundblick über die ganze Stadt geniesst. Amazing!
Mehr oder weniger motiviert ging es auch beim leidigen Thema Jobsuche weiter. Unsere Resumes und Cover Letter sind nun fast schon perfekt, in schönstem Layout, tadellos. Da ist es immer besonders erfreulich, wenn die hässlichsten Internetseiten toller Organisationen verlangen, den Text per copy/paste in gruselige Formulare einzusetzen. Ein Witz, hoch zwei! Das dauert nämlich mindestens dreimal so lange wie eine normale Bewerbung per PDF und sieht nicht schön aus (denn formatieren kann man es natürlich nicht in diesen Formularen). In unseren von Nebenjobs zu Haupteinkommen mutierten Beschäftigungen sind wir zwar beide sehr erfolgreich. Doch glücklich noch nicht.
Viel aufregender ist dafür unser Engagement für den neuen alten Präsidenten: Wir gönnten uns einen Trip nach Washington DC (ja, man fliegt natürlich) und waren an vorderster Front bei der Inauguration dabei. Um 3.30 Uhr hiess es aufstehen und runter zur Mall laufen, registrieren, rote “Freiwilligenmütze” anziehen, Frühstück fassen, das eigene Team im richtigen Sektor finden, dem Obama live zuhören und nicht merken, dass Beyoncé nicht live gesungen hat. Und für jemanden von uns ging der grösste Traum überhaupt in Erfüllung: Dem National Prayer Service in der Washingtoner Kathedrale (100% gothisch – und 100% fake) beizuwohnen, mit 2500 Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Na wenn wir da mal nicht gut reinpassen
  
Wir haben es geschafft: wir sind angekommen. So richtig. Es hat sich so etwas wie Alltag eingeschlichen. Was es dafür gebraucht hat? Knapp 4 Monate Zeit, sehr viel Energie, fast gleich viel Geld, unglaubliche Flexibilität und Ausdauer. Obwohl es gefährlich ist zu vergleichen, machen wir es trotzdem.
Die Wohnung in Zürich war ein Traum. Hier ist’s auch schön, aber eisig kalt (wozu isolieren wenn man heizen kann) und ringhörig (keine Details dazu). Der Chor in der Schweiz war hervorragend gut – hier war das Niveau kläglich; es heisst also: weitersuchen. Die Pilates- und Konditionstrainings an der Uni und der ETH waren 1A. Hier vielleicht auch, leider haben wir nicht genügend Geld, um uns ein Abo zu gönnen. George Clooney servierte uns jahrelang perfekten Kaffee. In den USA übernimmt diesen Teil Penelope Cruz (wow!) – wegen Budgetmangels hat sie uns aber bis jetzt noch nicht bedient.
Ja, das mit dem Geld ist so eine Sache: Sparkonten können wir definitiv keine füttern. Doch sind wir stolze Besitzer eines Bankkontos, haben vier verschiedene Kreditkarten und sind sogar redliche Schuldner eines Auto-Kredits. Was für ein (un)gutes Gefühl.
In Zürich bewegten wir uns im bekannten Umfeld. Dank Boston haben wir schon zig neue, spannende und auch herzliche Bekanntschaften geschlossen. Wir waren noch nie “sozial aktiver”. Wie alle sind wir eingewandert – ja gut wir geben es zu, als erste Generation können wir noch nicht wirklich mitreden – und fühlen uns willkommen. Wir werden von Freundschaftsanfragen auf Facebook überhäuft und auf Linkedin für unsere Fähigkeiten “endorsed”.
Ob wir reich werden, können wir noch nicht beurteilen. Mit mehr als dem gesetzlichen Mindestlohn (zzgl. Trinkgeld und offeriertem Lunch) arbeiten wir aber hart daran.


Es ist geschafft: Barack Obama wurde für weitere vier Jahre im Präsidenten-Amt bestätigt. Und wir sind stolz, dass wir dazu (für Romney-Begeisterte: zum Wahlkampf im Allgemeinen) beigetragen haben! Den Election Day verbrachten wir einmal mehr im hart umkämpften New Hampshire. Zu gewinnen gab es für die Kandidierenden zwar nur 4 Elektorenstimmen, aber das Rennen war einfach zu knapp, der Ausgang ungewiss. So kam es, dass wir zusammen mit anderen Obama-Helfern bis nach dem Eindunkeln an Türen von registrierten Demokraten klopften und sie daran erinnerten, heute auch wirklich an die Urne zu pilgern. Und abwimmeln liessen wir uns nicht: Wenn sie noch nicht gewählt hatten, war unsere Antwort “Okay, so we will be checking in with you again later”.
Allerdings musste man – je nach Stadt – einiges auf sich nehmen, um seine Stimme auch wirklich abgeben zu können. Während die Bewohner von Cambridge nur einige Minuten vor den Wahllokalen warten mussten, war Somerville anscheinend vom Ansturm der Wähler überrascht. Nachbarn erzählten, sie hätten über zwei Stunden anstehen müssen. Und ausgerechnet an diesem Morgen war es eisig kalt. Immerhin einen guten Aspekt hatte es also, dass wir selber nicht wählen durften. Am Abend verfolgten wir natürlich live am TV, wie die Stimmen ausgezählt wurden und die Staaten nach und nach Farbe annahmen. Nach langem Warten und am frühen Morgen um 1.30 Uhr war es dann soweit: Mitt gestand seine Niederlage ein, und Barack genoss das Bad in der Menge. Four more years! Wir wurden übrigens zum Wahlkampf interviewt!
Natürlich beschäftigt uns aber nicht nur die Politik, sondern auch das Wetter. Zentrale Beobachtung: Boston ist so viel sonniger als Zürich! Auch im Herbst ist der Himmel meistens blau. Innerhalb weniger Stunden fegt dafür auch schon mal ein Schneesturm über die Stadt – der Allrad-Antrieb des Toyotas hat sich schon bewährt, die “all year round” tires aber eher weniger (uns graut vor einem schneereichen Winter).
Schnell wechselt hier übrigens nicht nur das Wetter. Mein Arbeitgeber eröffnete kürzlich, dass die Firma verkauft und von einem Mitstreiter übernommen würde. Das wäre ja schon genug Neues. Der Zeithorizont? Zwei Wochen! Treffen mit dem neuen Chef? Am nächsten Tag! Besichtigung des neuen Büros? Am übernächsten Tag! Undenkbar in der Schweiz. Aber ist es klar: Ohne Arbeitsverträge lässt sich das in ein paar Tagen durchziehen. Glücklicherweise dürfen wir alle weiterarbeiten und bekommen noch vor Thanksgiving neue “Offer Letters”. Und nein, einen Arbeitsvertrag gibt’s immer noch nicht. Four more years? Eher nicht, denn der neue Boss und das neue Team sind einfach nicht gleich toll wie bisher.
   
Die Jobsuche braucht langen Atem. Man trifft sich mit möglichen Arbeitgebern (die leider, leider im Moment keine Stelle offen haben). Man hofft, dass man einen guten Eindruck hinterlässt. Ein paar Stunden später schickt man ein follow-up-Mail und bedankt sich für das Treffen. Man hängt seinen Lebenslauf an und bittet um Weiterleitung an andere vielversprechende Kontakte. Anschliessend wartet man zwei bis drei Tage, dann hakt man nochmals nach. Und dann zwei Tage nochmals. Nach ca. 10 Tagen hat man dann neue Kontakte und das Spiel geht von vorne los.
Ich hatte bisher einen sehr langen Atem. Und lange im Voraus für heute Mittag zwei Vorstellungsgespräche organisiert. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet heute Frankenstorm Boston heimsucht? Sturmböen fegen durch die Strassen, es regnet in Strömen, der öffentliche Verkehr wird demnächst eingestellt und der Bürgermeister hat den Notstand ausgerufen. Wir haben uns mit Wasser, Kerzen und Konserven ausgerüstet und hoffen das Beste.
Das vergangene Wochenende verbrachten wir ganz im Namen des Präsidenten. Am Samstag fuhren wir um 7.30h los nach Nashua, New Hampshire. Dank unseres Engagements bei Somerville for Obama (und dank unserer spärlichen finanziellen Unterstützung für die Kampagne), hatten wir Tickets bekommen, um den Präsidenten live auftreten zu sehen! Wir mussten insgesamt 5 Stunden anstehen und warten, dann sogar noch beten, die Nationalhymne singen und den pledge of allegance aufsagen, aber dann kam POTUS himself auf die Bühne. Und es hat sich gelohnt! Wir waren nur circa 15 Meter von der Bühne entfernt und konnten sogar Baracks Runzeln zählen. Ein spezielles Gefühl, den Präsidenten live zu sehen und zu hören – er existiert also in echt, nicht nur im TV! Wir machten alles, um uns zu integrieren, wedelten mit unserem Plakat und versuchten, im richtigen Augenblick zu johlen und zu klatschen.
Am Sonntag fuhren wir wiederum nach New Hampshire, diesmal nach Sandown. Dort wurden wir in der lokalen Wahlkampfzentrale, die sich im Wohnzimmer von Amy befindet, kurz gebrieft und los gings. Zusammen mit Ken, einem pensionierten Pfarrer, fuhren wir kreuz und quer in Sandown herum und klopften an die Türen aller registrierten, demokratischen Wähler. Ziel war es, Fragen zur Wahl zu beantworten, die Leute zum wählen zu motivieren und noch mehr freiwillige Helfer zu rekrutieren. Und wir waren erfolgreich!
Bis zur Wahl dauert es nun noch 7 Tage und die Kadenz der Spendenaufrufe und Anfragen zu Freiwilligen-Einsätzen nimmt spürbar zu. Mal schauen, welchen Einfluss der Sturm auf den Wahlkampf hat.
Der Anfang ist geschafft. Unser amerikanisierter Alltag nimmt Formen an. Nachdem ich mich bei der Bibliothek angemeldet und beim Womens’ Choir Cantilena ein ausgewachsenes Vorsingen überstanden habe, bin ich seit zwei Tagen stolze Besitzerin eines Velos! Es ist rostig und lödelig, aber es hat zwei runde Räder, gute Bremsen und von den sieben Gängen funktionieren durchschnittlich fünf. Es heisst Moon Dog und wenn wir zusammen durch die Stadt düsen jault es leise. Gekostet hat es deutlich weniger als alle anderen Velos auf craigslist. Irgendwie verdächtig. Vielleicht hab ich bald die Polizei am Hals?
Da ich im Moment noch auf Stellensuche bin, habe ich nichts besseres zu tun, als mich auf allen networking-events der hiesigen Schweizer Organisationen rumzutreiben. Am Dienstag gab es nach ausgezeichneten Vorträgen (u.a. über Warren Buffett vorkam) ein gratis, warmes Buffet – Novartis, we’ll be back!
Das Beste auf dem Buffet war übrigens die echte (!) italienische Kaffeemaschine: Bei uns zuhause gibt es immer noch nur “türkischen” Aufkochkaffee (oder was wir darunter verstehen). Wir fürchten uns schon vor dem Besuch der Espresso-verwöhnten Verwandten aus dem fernen Europa!
Es wird übrigens langsam Herbst, die Blätter verfärben sich und bei Dunkin Donuts gibt’s Pumpkin Latte. Wir gewöhnen uns an die früh aufstehenden Nachbarn, an teigige Bagel und fettfreie Milch, an Essen voller HFCS, an zuschnappende Türschlösser (merke: vergiss nie den Schlüssel, nienienie!), an tropfende Wasserhähne, an amerikanische real life documentaries und daran, immer mit Kreditkarte zu bezahlen. Wir werden überall freundlich aufgenommen und haben unsere Auswanderungs-Geschichte in den letzten 3 Wochen schon gefühlte 50 Mal erzählt.
Es gefällt uns hier, vorläufig bleiben wir also noch da Spätestens wenn der Winter die Wahrheit über unsere Heizung ans Licht bringt und wir mit dem Backofen heizen müssen, überlegen wir es uns nochmals.
Seit drei Tagen wohnen wir in Somerville. Wir definieren “wohnen” dabei so: physisch anwesend, auf Möbel wartend, auf Camping-Mätteli schlafend (oder wenigstens liegend), wenigstens schon auf Duvet und Kissen, auf dem Boden sitzend essen – mangels Geschirrs beschränken wir uns auf Fertigpizza (wobei man sich die Finger verbrennt, da Topflappen ebenfalls fehlen). Im ganzen Einrichtungs- und Einkaufsstress ist dieser Blogeintrag etwas untergegangen, deshalb diesmal ein Eintrag mit Updates
Update 1: Seit heute sind wir stolze Besitzer von amerikanischem (made in U.S.A.!!!) Geschirr, Besteck, Pfannen und Holzkellen. Aber jeweils nur in 4-facher Ausführung, wir wollen ja nicht übertreiben. Denn Besuche stehen schon genügend an – oder?! Wir sind übrigens seit knapp 2 Stunden wieder online (danke Starbucks und McDonalds für die hammermässigen WLANs auch ganz ohne Konsumation).
Update 2: Gestern Abend um 20 Uhr (sic!) kamen die IKEA-Männer und brachten uns die Möbel. Die Wohnlichkeit hat um mindestens 500% zugenommen! Allerdings wurde statt der bestellten drei Stühlen (mehr hatten sie nicht vorrätig) nur einer geliefert. Dann passt der Bettrost nicht zum Bettrahmen und letzteres ist auch noch beschädigt. IKEA (“eikiiia”) wir kommen wieder!
Die Wohnung ist wunderschön, trotz temporärer Leere. Die Fotos haben nicht zuviel versprochen: Aussicht auf Cambridge (wir wohnen am “Züriberg” Somerville) und auf eine Eiche inkl. Eichhörnchen. Der Parkettboden ist hie und da etwas schief und schräg geraten, so dass es unmöglich sein wird, die Möbel wackelfrei aufzustellen. Der Kühlschrank hat die Grösse eines Kleinwagens (aber immer noch kleiner als unser momentaner Mietwagen, ha), die Einbauschränke machen aus den zwei Schlafzimmern eigentlich vier (mit Beleuchtung, jawoll) und die Klimaanlage der Nachbarn bläst uns fast um.
Der Anfang hier kann ein ziemlich ein grosser K(r)ampf sein, die Amis versuchen’s halt doch auch auf die harte Tour. Verhandlungen sind zäh und man wird fast schon zur Unterschrift gedrängt. Doch wir blieben bisher hart – und es gibt grosse Erfolge zu verbuchen. Die nun-plus-ultra-Neuigkeit ist: Wir sind nun (wenigstens theoretisch) Eigentümer eines Toyotas. Der Haken? Er wird erst Ende nächster Woche bereit stehen, weshalb wir den General Manager genötigt haben, uns bis dahin ein Mietauto zu sponsern. Und was für eins! Das Teil passt kaum auf unseren Parkplatz
Ende gut alles gut? Not quite. Unsere ToDo-Liste ist immer noch endlos lange und wächst täglich weiter. Und damit es nicht zu öde wird, stehen noch harte Verhandlungen an (Stichwort: Lohn und Auto-Versicherungen). We’ll keep you posted.
Am vergangenen Dienstag sind wir halboffiziell ausgewandert. Offiziell sind wir in den Ferien; aber spätestens nach den Anstrengungen der letzten Tage ist das kaum haltbar. Die Erschöpfung wird heute am Strand kuriert. Es sind übrigens fast auf den Tag genau 2 Jahre, seit wir die ersten Pläne geschmiedet haben! Einerseits sind wir froh, hat es angefangen, andererseits wir vermissen aber Freunde und Familie :/
Gelandet sind wir vor einigen Tagen in Miami. Inzwischen wohnen wir in Neapel (Naples). Eigentlich wie Ferien! Wir wohnen bei Freunden, die Sonne scheint und Hurricane Isaac hat uns knapp verfehlt. Benzinkocher, Wasserflaschen, Batterien und Dosenfutter standen schon bereit, auf dem Weatherchannel schauten wir endlose Statusberichte und bei der lokalen Tankstelle wurden Panikkäufe getätigt. Ausser Regen und Wind haben wir aber nichts abbekommen.
Und natürlich versuchten wir blauäugig, im Autoland ein Auto zu kaufen. Das ist allerdings nicht ganz einfach. Die Verhandlungen sind knallhart, die Auswahl riesig (wir haben uns immerhin auf ”Das Auto” (Volkswagen) und “GoFurther” (Ford) beschränkt). Eine schwierige Entscheidung! Sie wurde uns aber nach 3 Tagen (!!), zig Car-Dealer-Besuchen und einem Appointment bei der Bank abgenommen: Einen Kredit oder ein Leasing gibt’s für uns – mindestens im Moment – nicht. Trotz guten “Credit Scores” (= abbezahlten Schulden) und einer Kreditkartenlimite von 3000 USD pro Tag! Die frisch Ausgewanderten dürfen deshalb mit gutem Gewissen zu alten, grossen, schweren und protzigen Ami-Schlitten greifen, denn der Rest ist entweder zu teuer oder nicht erhältlich.
Sonst lief aber alles fast zu schön – und zu langweilig für eine Sendung wie Adieu Heimat. Die einzige “Action” hatten wir selber verpasst: Wie wir später herausfanden, wurde unser Gepäck am Flughafen Kloten von der KAPO (= Kantonspolizei) geöffnet, durchsucht und dann “ohne Schäden” und “ohne Entnahme von Gegenständen” doch noch auf die Reise geschickt. Wahrscheinlich war das abgefüllte Jemalt-Pulver schuld (= Ovomaltinen-Kopie mit noch mehr Vitaminen und Mineralien, garantiert nicht erhältlich in den USA)
Im Flugzeug – wir mussten Business Class fliegen, wir möchten ja nicht, dass die Swiss nochmals pleite geht – wurden wir von der Maitre de Cabin mit einer Flasche Champagner überrascht; quasi als alkoholischer Glückwunsch für unser Auswanderungs-Abenteuer! (Rutscht jetzt die Fluggesellschaft wegen uns doch noch in die roten Zahlen?). Es konnte also nur schlimmer kommen. Doch weit gefehlt: Am Flughafen in Miami hiess es “welcome back” und “welcome home” und das war’s au schon. Sämtliche Einreiseformalitäten (es waren eigentlich gar keine) waren erledigt. So strandeten wir bereits 1.5 Stunden nach der Landung im Hotel. Und zwar in Miami Beach: Schöne und weniger schöne Menschen, grosse und grössere Autos, art-deco-style wohin das Auge blickt und sehr nachtaktive Zimmernachbarn (nach der zweiten Nacht wechselten wir dann das Zimmer…).
Auf dem Weg an die Ostküste (Naples) machten wir Halt im visitor center der Everglades. Und auf einem kurzen Walk, nur 15 Meter vom Parkinglot entfernt, entdeckten wir die ersten vier Alligatoren. Und später erspähten wir noch eine Schildkröte und einige Dutzend Vögel, Schmetterlinge und sonstige (eher nicht so attraktive) Insekten. Mal keine Bären wie im hohen Norden.
Jetzt geht es ab zum Stand, bevor das Mietauto abgeholt wird und der Schlussabend ansteht. Massachusetts, wir kommen!
  
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